gelebte Literatur_ letzte lesung im nodbach-atelier mit Stefan Loicht, Phillip Geiger, Rudolf Pinter, Beat Schweizer und René Desor_ anwesend ca. 100 literaturfans_ fantastische stimmung_ anregende texte_ begeistertes publikum_ literaten einig mit den zuhörern im wunsch „…more gamma_gt, please…“

gamma-gt3.jpg einladung

gammagt3.jpgreadinggamma4.jpg

PROLOG von René Desor zu GAMMA GT – castrum calcis

Ich bin nicht überrascht über das Interesse an dieser Veranstaltung, offenbar hat sich die Wichtigkeit einer Gesundheitsuntersuchung herumgesprochen. Ein regelmäßiger Check täte wohl jedem von uns gut.

GAMMA GT. Das Leben. Die Recherchen nach den individuellen Leberwerten verbinden uns hier am Tisch & auch im Raum, vielleicht à la recherche du temps perdu für manche, die ein faible für Literatur haben: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Der Satz, den der Sud, der Stein & die Säure durch Flüssigkeiten über dieses Organ in uns mitgeschrieben haben, wie den alten Griechen nachgesprochen die Leber der Sitz der Leidenschaften & Begierden ist, die zwar vom Geist bezwungen werden können, aber offenbar immer wieder gegen diesen sich erheben. Vielleicht hätten Sie es ja auch lieber, wenn wir hier vom neuesten GOLF GTi sprächen… Castrum calcis. Die Kunst. - Peter Noever, Leiter des MAK (Museum Angewandter Kunst) Wien, hat kurz vor der Wahl in einem Fernsehinterview vorgeschlagen, den obsoleten Kunstsekretär zu entlassen & das Kunst- mit dem Verteidigungsministerium zusammenzulegen, da wären noch genug zur Verschwendung bereitstehende Gelder zu rekrutieren. Da die meisten von uns wohl mit der Symbiose Unterricht, Sport & Kunst aufgewachsen sind, wissen wir jedoch aus Erfahrung wie assimilationsfähig das Ressort „Kunst“ ist. Aber vielleicht könnten Kunstjäger dann Künstler abfangen. - Wir sind hier umgeben von den Skulpturen, Installationen & Zeichnungen des Bildhauers & Gastgebers Rudi Pinter, den Zeichnungen des Bildhauers Franz Gyolcs, die dieser in der psychiatrischen Klinik Gugging angefertigt hat – einschlägig als Hort der Künstler bekannt – & den Arbeiten & Objekten des Malers Andreas Roseneder, die teilweise im Anton-Proksch-Institut Kalksburg entstanden sind. & uns alle, die wir hier an diesem Tisch sitzen & lesen werden, verbindet nicht nur ein stationärer Aufenthalt in diesem Institut, sondern auch das geschriebene Wort – & dieses übergebe ich nun ausgesprochen unserem Gastgeber Rudi Pinter.


Übersicht der gamma_gt- Texte:
text_1: Schleifen am Kalkstein, Von Beat Schweizer
text_2: OUT(back), von René Desor

Originaltexte:

Wien-Kalksburg: Europas größte Entzugsklinik von innen:
Schleifen am Kalkstein, Von Beat Schweizer

Ich möchte hinausgehen
Nach der Nacht
Und meine Hände und meine Lippen reinigen,
ich möchte mich reinigen
an der Sonne und an den Gräsern -

Aber es regnet,
und meine Gräser
sind braun
und alt –

Thomas Bernhard

<Bitte nur so viel Brot nehmen, als auch wirklich verzehrt wird>.

Der Patient Y. ist im Anton-Proksch-Institut in Kalksburg, im 23. Bezirk Wiens. Ein grünes Naherholungsgebiet mit einem Tiergarten.

Die Limousinen fahren vor, ein frische gewaschener BMW, ein viel bewunderter Cadillac, ein Mercedes mit der Aufschrift <I love Egypt>.
Ein schnittiger Sportwagen der Marke Chrysler Crossfire. Ein Mercedes Smart. Alle Karossen vorwiegend in Schwarz.

Die Herren der Direktion und die Herren und Damen Oberärzte erscheinen sehr gediegen zur Arbeit.

Der Patient Y., von Italien angereist, schläft vorerst von 22.00 Uhr bis 5.00 Uhr. Er ist auf Alkohol- und Medikamentenentzug.

Auf den ersten Blick erscheint alles wirklich sehr nett.

Ausser einigen Insassen, die ihre rauhbeinige Alkoholabhàngigkeit auch nüchtern nicht ganz abstreifen können. Sie besetzen schon am frühen Morgen das Café mit ihren Sprüchen. Fragen sind nicht erlaubt, die Neuen haben sich erstmals zu unterziehen.

Der Patient verzehrt das Brot, das ihm zusteht.

Ich bin der Sträfling, wenn ich mich nicht irre, denn meine Kleider sind Sträflingskleider und ich habe doch Sträflingskleider an, nicht wahr?

Thomas Bernard

Rund 300 Männer, meist Alkoholiker, sind nicht nichts. Da gibt es eine Menge Arbeit. Und einen Riesenschub an Motivation zu leisten.

68 Frauen sind schön säuberlich abgetrennt. Sie wohnen in einem Pavillon jenseits des Parks, in dem die Minigolf-Anlage und der Swimming-Pool im Hochsommer verrotten. Eine alte Kegelbahn ist noch in Betrieb. Vier Frauen sind auf der Männerabteilung untergebracht. Sie fanden im Pavillon keinen Platz mehr und scheinen sich unter den vielen Männern nicht unwohl zu fühlen.

Vorerst bewegt sich Y. wie durch Watte. Gewisse Medikamente können nur durch andere erschlagen werden. Es findet ein erstes Gespräch mit der Frau Primarin, der Prim. Dr. Susanne Lentner, die im Haus als attraktive Fünfzigerin gilt, statt.

Sie hat den „selbstzahlenden“ Patienten Y. unter die Fittiche genommen.

Ihre Aufgabe nach den ersten zwei Stunden:

Zurück zu Thomas Bernhard?

Das erste Gruppengespräch ist deprimierend: Eine junge Dame verteilt einen Fragebogen, der als Notfallpass deklariert wird.

Der Protest der Teilnehmer„gegen den Datenstress“ ist sofort laut und deutlich. Es wird eine Stunde darüber diskutiert, dann stellt man sich endlich gegenseitig vor. Die Dame schlägt am Schluss der Sitzung vor, dass der Pass von jedem Einzelnen ausgefüllt und zur nächsten Gesprächsrunde mitgebracht wird. Die Beteiligten zotteln unbefriedigt zum Mittagessen.

Das Schauspiel der Herren und Damen in ihren gelackten Wagen wiederholt sich jeden Morgen. Ein Herr mit schwarzer Tasche öffnet dreimal seinen Kofferraum, als ob er etwas suchen würde. Sein Schädel ist glatt rasiert, wie viele der Insassen es sich zur Usanz gemacht haben. Ob er wohl auch tätowiert ist?

Am Kalkstein herrscht eine wahre Tätowierungsorgie. Das gilt auch für ältere Semester. Y. kommt sich unter all den weissen Indianern nackt vor.

Der Herr verschwindet nach langem Nachdenken mit seiner dünnen schwarzen Aktentasche. Gegrüsst wird nicht.

Y .steht Schlange, um seinen Urin im Labor abzugeben. Irgendjemand hat sofort festgestellt, dass er am Vorabend nicht zum Nachtessen erschienen ist. Gleichzeitig wird auch tüchtig Blut gezapft.

Ihm geht es in den ersten Tagen relativ gut. Seine neue Gefährtin Audrey besucht ihn jeden Tag. Im Zimmer können sie tun, was ihnen passt. Heute wird grosse Sitzung sein. Der Patient ist auf der Abteilung 1.2. Früher hatten die Abteilungen Namen wie Berta, Dora, Klara etc. gehabt – das wurde abgeschafft. Er ist jetzt einfach ein Einszweier.

Noch einmal zurück zum Fragebogen für den Notfallpass:

Wie würden sie auf die Frage antworten?

Y. denkt: Schaut doch besser auf all die Liebespärchen, wie sie sich an den heissen Sommertagen im Park hemmungslos verknutschen. Hier auf der Insel herrscht doch Lust, Friede und Eintracht. Vergessen scheint für eine Weile das Zuhause, der öde Alltag.

Das ist doch die Therapie in Reinkultur.

Natürlich gehört aber die richtige Unterweisung der zuständigen Sozialarbeiterin dazu. Viele leben hier ohne Geld, ohne Job, ohne Familie, ohne Wohnung.

Die Sozialarbeiterin schliesst ihre ausführlichen Erklärungen mit einem Lichtbild ab, auf dem es heisst:

Die Einszweier hatten während des ganzen Vortrages keine Fragen. Sie wissen nur allzu gut: Eigentlich können sie nur darauf hoffen, dass wirklich ein Fisch anbeisst, wenn sie ihre Angel wieder ins Wasser werfen.

.

Das Essen wird jeweils rasend schnell eingenommen: Es gleicht einer Raubtierfütterung. Zuweilen mit Plastiktellern, Plastikbechern, Plastikbesteck wird alles verschlungen. Nach beendeter Mahlzeit werden einem die Teller von den Helfern gleichermassen aus der Hand gerissen, als ob jeder sofort wieder an die Arbeit rennen müsste. Zahlreiche Patienten legen sich beeindruckende Vorräte an.

sagt einer.

Ist das jetzt der berühmte Wiener Schmäh?

Dem Patienten Y. werden die Tabletten drastisch gekürzt.

Immer fragen sie nach mir.
Keiner weiss mehr, wo ich bin –
Und ich sagte ihnen heute:

Gross ist das Lied der Wälder,
grösser noch der Chor der Städte,
dieser Städte schwarzer Chor

Und ich bin in diesen Städten,
in dem Schmerz der Viadukte,
in dem Schweigen der Kanäle,
und ich bin in meinen Kindern,
träumend von der toten Asche,
von der leer getrunkenen Nacht.

Thomas Bernhard

Die Kraft der Worte der Krankheit entgegen setzen. Viele haben es versucht, einigen ist es gelungen.

Die Dimension der Kaffeetassen am Morgen früh im Café haben die der Halbliter-Bier-Krüge (aus Plastik). Ob das psychologisch wirksam ist, weiss Y. nicht. Er ist sich aus Italien die kleinen Espresso-Tassen gewöhnt und staunt.

Ihm gegenüber sitzt ein junger Herr mit gefärbten Haaren und einer in Oesterreich wohl als topmodern geltenden Brille. Auch dieses Modell hat er vor etlichen Jahren schon in Italien gesehen. Auf dem T-Shirt steht „) überlegen“.

Der Herr hört Musik und schreit dem Patienten zu: . – Er versucht, Anteil zu nehmen.

Um 7 Uhr ist Pillenausgabe, und die Masse strömt Richtung Station. Einer schreit:

sagt der Direktor des Burgtheaters namens Klaus Bachler. Im Lead des Artikels steht, er rechne mit Oesterreich, mit der Regierung und mit der allgemeinen Leberknödelmentalität ab. Den Bericht will der Patient lesen. Aus den herumliegenden Illustrierten hat er sich auch „Die Kaiserin der modernen Kunst“ namens Francesca Habsburg herausgerissen.

Er will diese Sachen unter die Lupe nehmen. Auf dem Foto präsentiert sich die Habsburg wie ein Model.

Die Stahlbaron-Tochter von Hans Heinrich Thyssen-Bornemista, die in Lugano geboren worden ist, kennt er noch aus seiner Tessiner Zeit. Er ist erstaunt, wie sie sich entwickelt hat:

. Oder: . Sehr interessant auch ihr Geständnis, dass sie Rockstar werden wollte, als Partygirl galt und sich heute , die Partygrenzen niederreissend, in den Dienst der zeitgenössischen Kunst gestellt habe. Oha.

Im Interview sagt sie kühn: . Und was sie will die Kaiserin in der Kaiserstadt:

Der Patient denkt: Mach doch Kunst am geregelt-geriegelten Kalkstein, liebe Francesca.

Nicht viel Positiveres über Wien und Oesterreich hat der scheidende Bachler zu vermelden: .

Weiter im Text:

Und:

Sein Zitat von Tschechov ist aber doch immer wieder schön:

Erstaunlich: .

Wie er das noch drei Jahre aushalten werde?

Na ja Herr Bachler, meinen Sie im Ernst, es gebe nur in Austria derart gewaltige Probleme?

Und in Wien wurde doch der zündende Werbespruch „eine Kunst, in Wien kein Künstler zu sein“ kreiert – beruhigend, nicht?

Und damit zurück zum Kalkstein, wo die Primarin Dr. Susanne Lentner mit ihrem ganzen Gefolge die Donnerstag-Visite absolviert. Y. will mit ihr ein persönliches Rendez-vous, um über seine Dämonen zu sprechen.

Aus den Bildern riss ich stattliche Gesichter
uralter Geschlechter

Thomas Bernhard

Die Primarin hat ihm ein Datum gegeben: Am nächsten Tag um 10.00 Uhr. Sehr streng hat sie ihn gleichzeitig darauf hingewiesen, dass sie ihn bis Sonntag medikamentenfrei haben wolle. Er wird seinen ersten Ausgang haben, und sie will ihn testen. Innert zehn Tagen alles weg!
Hoppla.

Vieler Leben Leben
Und unerhört
Und nichts
und ohne Frage

Thomas Bernhard

Ein Gewitter hat die Luft gereinigt. Der Park strahlt in seiner ganzen Pracht – all die gepflegten Blumenbeete! Vor den Fenstern stehen Geranien, wie in seiner Heimatstadt Bern.

Rührend.

Vor dem Mittagessen studiert er die Plakate an den Wänden. steht da, oder . Natürlich fehlt auch der Kleber „I love Karlsburg“ nicht. Und: .

Wie immer freut er sich auf den Besuch seiner Gefährtin, die um 16.00 Uhr erscheinen wird. Sie bringt täglich das Leben von draussen in die isolierte Insel unter der Käseglocke.

Der Kalkstein zehrt langsam an den Nerven.

Ueberraschend ungemütlich verläuft das zweite Gespräch mit der Primarin. Von den Dämonen will sie plötzlich gar nichts mehr wissen, sondern eine weitere genaue Schilderung seiner Kindheit. Hart gibt sie ihm zu bedenken, dass er in den letzten Jahren „eine Art des langsamen Suizids“ betrieben habe. Die übermässige Einnahme von Alkohol und Medikamenten weise klar in diese Richtung. Sie sei sehr gespannt darauf, ihn nächste Woche völlig nüchtern und drogenfrei zu erleben.

Es werde sich auch zeigen, ob er in der Lage sei, die für ihn richtige Frau auszuwählen. Ob er und seine neue Frau Audrey überhaupt fähig seien, die Spielregeln des anderen zu akzeptieren. Er solle sich fürs nächste Mal sehr genau überlegen, ob er oder sei.

Komischerweise ist heute auch sein Fotoapparat ausgestiegen.

Und die Deutschen marschieren an der laufenden Fussball-WM wie Panzer nach vorne. Eben haben sie die Favoriten aus Argentinien im Penaltyschiessen in die Knie gezwungen und sind damit in den Halbfinal vorgestossen. Die Kalksburger Fernsehgemeinschaft liegt vor Enttäuschung am Boden. Einer schreit:

Irgendwie hat ihn das Gespräch mit der Primarin verstimmt. Sie scheint Y.
eine Rolle zu spielen, die von sehr weit oben herab auf ihn wirkt. Es gefällt ihm nicht, wenn seine Ausführungen nicht richtig Ernst genommen werden. Er fühlt sich weder noch .

Audrey hat ihm Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ mitgebracht. Er bleibt vorläufig bei Thomas Bernhard:

Nicht viele sterben
um ein Haus
in der Wüste
0der um einen vertrockneten Baum.

Was die Primarin wohl über das Sterben weiss?

Ist sie je in den Armen eines Mannes durch den Kosmos geflogen?

Beim Morgenkaffee zwischen 6.00 und 7.00 Uhr sind die „Scheissdeutschen“, die es wieder einmal geschafft haben, natürlich Thema Nummer eins. Wie die Schweizer scheinen auch die Oesterreicher den grossen Nachbarn nicht sehr zu mögen. Nun hoffen alle, dass Italien am kommenden Dienstag im Halbfinal gewinnen wird, oder sonst dann wenigstens die Brasilianer im Final am Sonntag.

Interessant sind die die Stimmen aus dem Volk über die Primarin Dr. Lentner zu hören. Tönt nicht sehr erfrischend:

.

Dich kennt keiner
Und wenn du stirbst,
schlüpfen sie in die Mäntel,
um dich zu verscharren.

Vergiss das nie!

Thomas Bernhard

Die Franzosen haben die Brasilianer aus dem Turnier geschossen. Zinedine Zidane, der gebürtige Algerier , hat seine Landsleute meisterlich zum Sieg geführt. Der Abschluss seiner grossen Karriere wird zu einem einzigen Triumph. Der bescheidene Mann, der immer mehr wie ein Asket aussieht, beeindruckt alle.

Sonntagmorgen. Der 13. Tag am Kalkstein. Die „Neue Voralberger Zeitung“ titelt auf der ersten Seite . Es ist 11.15 Uhr, und Y. fühlt sich nervös und unsicher. Um 12..00 Uhr darf er zum ersten mal in den Ausgang. Für acht Stunden. Audrey wird ihn abholen. Er hofft, bereits etwas paranoid, dass sie nicht unter zu hoher Spannung stehen und streiten werden.

Bis jetzt galt er als Alkoholkranker und wurde jahrelang medikamentös behandelt. Jetzt erhält er nichts ausser seinen Blutdruckmitteln, die nichts nützen. Der Blutdruck bleibt trotz Verdoppelung der Dosis so bei 160 auf 120. Die Primarin hat auf die vorherigen Psychiater, die ihn behandelt haben, geschimpft:

Man wird ja sehen.

Y. hat seiner 12jährigen Tochter Livia in Livorno einen Brief geschrieben und ausgedrückt, dass er sie vermisse. Immerhin ist er nach dem Tod seiner zweiten Frau im Mai 2005 vom Tessin wegen ihr nach Livorno gezogen. Sie soll wissen, dass er sich neben seiner neuen Gefährtin weiterhin auch für sie interessiert.

Der erste Tag in „Freiheit“ verläuft in Minne. Y. lernt eine nette Freundin von Audrey kennen. Sie speisen ausgiebig in einem Wiener Gartenrestaurant, einen japanischen Trickfilm verlassen sie vorzeitig, weil er Y. nicht gefällt, die vielen Eindrücke in der Stadt machen ihm einen„dicken“ Kopf. Nach acht Stunden ist er zurück am Kalkstein, es folgt die grosse Blasprozedur: 0,0 Promille – was für ein Wille…

Ein alter Satz kommt ihm in den Sinn: Die Tage folgen sich, aber die Tage gleichen sich nie.

Auch am Montag bleibt der Blutdruck hoch: 176 auf 124. Seltsamerweise geht auch der Puls viel schneller. Normalerweise hat er 60, jetzt ist er immer über 90. Man soll auf seinen Körper hören, sagt man doch immer.

Was heisst das jetzt für Y.?

Ein weiteres Gruppengespräch: Es zeigt sich klar, dass im Grunde jeder erst nach Kalksburg kommt, wenn er nicht mehr weiter kann oder von einem Familienmitglied oder vom Arbeitgeber dazu gezwungen wird. Viele sind überzeugt, dass sie nach der Therapie endgültig aufhören werden, ihrer Sucht zu frönen.

Y.wirft ein, dass man in dieser Hinsicht sehr vorsichtig sein müsse. Die Suchtmechanismen seien sehr schwer zu durchschauen. Man müsse jeden Tag aufmerksam bleiben und nie glauben, nun sei man endgültig geheilt. Auch komme es oft zu verhängnisvollen Suchtverschiebungen.

Er nimmt sich insgeheim vor, jeden Tag klar zu bleiben und seine Reaktionen gut zu beobachten. Nur so würde er es schaffen, nicht mehr zu trinken oder nach anderen Stoffen zu greifen.

Nach dem Gespräch lässt ihndie Primarin rufen. Vor ihrer Türe sitzen schon drei Patienten, die warten. Neue Patienten kommen hinzu, bis zum Mittagessen verstreichen eineinhalb Stunden. Die Primarin lässt ausrichten, dass sie ale nach dem Mittagessen auf ihren Zimmern rufen lassen werde. Um drei Uhr geht Y. auf die Station und fragt, was eigentlich los sei. Die Primarin sei gegangen.

Wütend herrscht er die Stationsschwester an: Die Schwester erklärt, das müsse er der Frau Doktor Lentner selber sagen. Im Café unten trifft Y. drei andere Patienten, denen es gleich ergangen ist. Alle sind sehr aufgebracht, weil von ihnen stets ein völlig korrektes Verhalten verlangt wird, während sich die Chefin solche Dinge leistet.

Für Y. kommt dazu, dass er als ausländischer Patient den Aufenthalt selber bezahlen muss. Das sind immerhin rund 200 Euros im Tag.

Dich braucht keiner
Und wenn du stirbst,
schlagen sie auf die Trommel
und halten den Mund.

Vergiss das nie!
Thomas Bernhard

Dienstagmorgen. Y. ist seit zwei Wochen am Kalkstein und erlebt die erste grosse Krise. Der Blutdruck ist auf 200 gestiegen, der Kopf dröhnt, er hat Magenschmerzen. Der Entzug scheint mit voller Wucht eingesetzt zu haben. Um 10.00 Uhr kann er zum Arzt. Die Gedanken drehen sich im Kreis.

Der Internist fügt ein weiteres Blutdruckmittel hinzu, die Primarin ein „leichtes“ Entspannungsmittel. Die Gespräche mit den Aerzten führen zu einer gewissen Erleichterung, die innere Anspannung bleibt. Die angespannte Situation werde mindestens noch zwei Wochen andauern, meint Frau Doktor Lentner.

Seine Stimmung ist den ganzen Tag über bedrückt. Er kann sich an nichts mehr freuen. Streitet mit Audrey am Telefon. Während ihres Besuches beruhigt er sich ein wenig. Am Abend geht es ihm besser, obwohl ich er sich nach wie vor Sorgen über alles macht. Er trauert der unbeschwerten Heiterkeit der letzten Tage nach.

Am Mittwoch hätte Y. wieder Ausgang. Es geht dem Patienten aber derart schlecht, dass er den ganzen Tag im Bett vor sich hindämmert. Der Blutdruck ist auf 205 gestiegen, er hat Durchfall, Kopf- und Bauchweh. Trinkt Tee und isst Zwieback. Jetzt macht sich auch die Primarin Sorgen, ist sehr freundlich und fügt ein neues Mittel zu seiner Blutdruckmedikation hinzu.

Y. fühlt sich aus dem Lebenszusammenhang gerissen. Unter der Käseglocke werden die Gedanken sehr eng. Sein Körper scheint nicht mehr bereit zu sein, die fortlaufende Veränderung von Stoffen hinzunehmen, die ihm neu zugeführt werden oder eben nicht.

scherzt Audrey am Nachmittag. Ihre Besuche führen zu einer gewissen Auflockerung. Wie die Spiele der WM am Fernsehen am Abend. Am Dienstag konnte der Patient mit den Italienern jubeln, am Mittwoch zeigt Frankreich seine Nervenstärke gegen Portugal. Am Sonntag kommt es also zu einem „blauen“ Final: „les bleus“ gegen die „azzurri“.

Am Donnerstag steigt der untere Blutdruck auf 130, der obere bleibt knapp unter 200. Eine Stunde später, dank Glyzerin, 100 auf 140.

Der Blutdruck tanzt.

Das Leben auf der Achterbahn!

Aushalten und Leiden. – In der Ruhe liegt die Kraft.

Freitag, Samstag, Sonntag: Aushalten und Leiden, in der Ruhe liegt die Kraft.

Audrey macht jeden Tag den langen Weg zu ihm. Auch in dunklen Zeiten erleben die beiden Erfüllendes. Beharrlich gehen sie ihren Weg.

Montag: Der Arzt führt ein weiteres Mittel zur Senkung des Blutdrucks hinzu. Dazu ein zweites, nicht abhängig machendes Entspannungsmittel.
Ob das alles gut ist?

Y. fühlt sich weiterhin unter Strom.

Gestern ist Italien Weltmeister geworden. Ganz Italien im Freudentaumel. Und der Heimweh-Italiener schleift sich weiter am Kalkstein.

Wann und wie er wohl wieder nach Hause kommt?

Was bist du für ein Wein, mein Herr Urin?
Besoffen gehe ich durch die kahlen Köpfe
der Unterunterwelt, durch den Ruin
und flecht aus meinem Hunger ihm die Zöpfe.

Thomas Bernhard

Der Patient setzt sich mit einem Yoghurt, das er beim Mittagessen als Dessert erhalten hat, im Park auf eine Bank. Er spricht mit einem anderen Patienten angeregt über das Schleifen am Kalkstein. Er hört unter anderem, dass die alte Kegelbahn bald abgerissen werde und auf ihrem Platz ein neues Haus für Kinder erbaut werde. Der andere Patient sagt:

.

Wie Y. gehen will, sieht er, dass ihm in der Zwischenzeit ein anderer Patient das Yoghurt geklaut hat, das er neben sich auf die Bank gestellt hat.

Sein Grinsen ist leicht hysterisch. Sein Gesprächspartner erzählt:

.

Ein anderer Mitpatient mischt sich in das Gespräch ein:

.

Y. läuft barfuss über den bewässerten Rasen.

Dorotheer Wald, Laab im Walde, Breitenfurt, Lainzer Tiergarten, Kaltenleutgeben, Naturpark Föhrenberge – Kalksburg ist eingebettet inmitten von Ortschaften mit märchenhaften Namen. Im Südwesten von Wien, im 23. Bezirk, eines der beliebtesten Naherholungsgebiete der Wiener und Wienerinnen. An der Mackgasse liegt sie, die grösste Entzugsklinik von Europa.

Y. schwitzt in seinem Zimmer unter dem Dach. Eine schwüle, drückende Sommerhitze liegt über der Stadt. Audrey hat sich mit der Primarin telefonisch gestritten und Y. angedroht, nicht mehr zu kommen.

Der Blutdruck tanzt wiederum in Höchstwerten herum. Sein Kopf dröhnt. Der Patient hegt Fluchtgedanken, zurück nach Italien, stundenlange Telefonate, Missverständnisse, Wut, Verzweiflung, Resignation, Schlaf. Und leise klopft die Versuchung Alkohol oder Beruhigungsmittel an der Türe seines Gehirns.

Der Patient widersteht.

Der Preis am nächsten Morgen: Ein vom Schweiss durchnässtes Bett, kalter Schweiss an Händen und Füssen, ein aufgewühlter Schädel, flatterhafte Bewegungen.

Audrey telefoniert, beteuert ihre Liebe und kündigt ihren Besuch an.

Der Blutdruck bleibt hartnäckig hoch. Kein Kraut und schon gar nicht eine Pille sind dagegen gewachsen: Beim Blutdruck ist Y. der Weltmeister in Kalksburg.

Ein anderer Fast-Weltmeister, Zizou, hat sich im Final mit einem rüden Kopfstoss gegen die Brust des Italieners Materazzi selber vom Thron gestossen: Heute Donnerstag steht in der „Neuen Kronezeitung“ über den tragischen Helden Zidane, er bereue nichts. Materazzi habe ihn mit der Bemerkung „Sohn einer algerischen Terroristen-Sau“ vorher zutiefst beleidigt.

Wieder dieses seltsame Flimmern im Kopf.

Wochenende zuhause bei Audrey. Der erste zweitägige Ausgang verläuft am Samstag sehr harmonisch, am Sonntag bei grosser Sommerhitze ausserordentlich anstrengend. Y. schleppt sich zum Schönbrunnerbad hinauf und hat das Gefühl, durch die Wüste zu laufen. Audrey ist besorgt.

Nach jedem langen Ausgang wird ins Röhrchen gepustet, wer im Therapieverlauf betrunken erwischt wird, erhält eine zehntägige Ausgangssperre. Wer zweimal säuft, fliegt. Er kann später einmal erneut an den Start, wenn er glaubwürdig wirkt. Nach Kalksburger Statistiken heisst es, dass ein Drittel der Entlassenen rückfällig wird und noch weitere Entzugsrunden dreht. Manche bringen es auf zehn bis 15 Aufenthalte.

Ein Drittel bleibe wirklich trocken.

Und ein Drittel werde in den nächsten zwei bis fünf Jahren sterben. Punkt.

Alkoholsucht sei nicht heilbar, man könne nur aufhören zu trinken.

Im Verlauf des Montags geht es Y. – bald sind vier Wochen vorbei – etwas besser. Gespräche beim Arzt über die Tücken des Blutdruckes, bei Dr.Lentner
über den weiteren Verlauf seines Aufenthaltes, in der Gruppe über den Rückfall eines Patienten, der damit seine Kur von nur zehn Tagen abbrechen will. Der Runde gelingt es nicht, ihn zum Bleiben zu bewegen.

Am Nachmittag ist Y. bei der „Gründung“ einer elfköpfigen Meditationsgruppe dabei.

Erstmals wird „Ooooohhhm“ und „Shanti, Shanti“ gesungen.

Mit Frieden im Herzen…

Im Park spielen sie Fussball, kegeln, spielen Tennis. Alle schwitzen. Für eine Weile ist es Y., als ob die Zeit stillgestanden sei. Erinnerungen ziehen wie Wolken an ihm vorbei. Er denkt: „Ich sitze da, in einem mir fremden Land, und ich schweige.“

Ihre Liebe ist verloren
in finsteren Wäldern
die im Schluchzen verirrter Rehe altern
von Wolke zu Wolke

Thomas Bernhard

.

„Seine Heiligkeit“ Ernst B. hat auf seinem Weg von seiner Wohnung in Salzburg nach Kalsburg zuletzt 11 Flaschen Wodka in zweieinhalb Tagen gesoffen. In der Klinik hat er sich wieder in einen indischen Guru verwandelt und die Meditationsgruppe auf die Beine gestellt. Von seiner übersprudelnden Energie angetan summt der Patient eine Weile jeden Morgen und .

Am Freitag der fünften Woche überfällt ihn ein grässliches Zahnweh. Er fährt mit dem Bus zu einer Notfall-Klinik in Wien-Liesing, die Hitze drückt ihn zu Boden, sein ganzer Kopf klopft. Die Zahnärztin erklärt ihm, sie müsse zwei Zähne ziehen. Y. ergibt sich in sein Schicksal.

„Nehmen sie die Zähne doch mit, darin ist Gold, das sie noch verkaufen können.“

Die Worte der Aerztin hallen ihm immer wieder durch den Schädel, während er mit der kleinen Plastiktasche in der Hand zur Busstation zurückwankt.

In Kalksburg haben sich eine Reihe bekannter Oesterreicher getummelt: Darunter der ehemalige Bürgermeister Helmut Zilk, der sich im Suff mit seiner Gattin Dagmar Koller, einem alternden Operetten-Star, herumgestritten hat. Der andere grosse Helmut von Wien, der Schauspieler Qualtinger , der sich den Schnaps wie Wasser zugeführt hat. Die Rock-Grössen Wolfang Ambros und Reinhard Fähndrich, die es versucht haben, Kokain mit Alkohol zu entziehen.

Am Kalkstein sind alle gleich. So wie jeder allein sterben muss.

Die Oberärztin P. fährt mit ihrem „Crossfire“ jeden Tag in neuem Gewand vor. Während sie ihren Vortrag über die furchterregenden Folgekrankheiten des Alkoholkonsums hält, starren die schwitzenden Männer auf ihren Tanga-Slip, der sich unter ihrem dünnen Mini-Rock einladend abzeichnet. Des Patienten Nachbar flüstert: „Schau einmal den mega-geilen Superarsch!“. Y. reagiert mit einem gequälten Lächeln.

Die Primarin, stets in wallenden Kleidern, bunt wie ein Papagei, fährt den Smart und freut sich auf ihre Ferien. Etwas verzagt entschliesst sich der Patient, die empfohlenen zwei Monate zu bleiben. Die sechste Woche geht zu Ende.

„Nicht für den menschlichen Verzehr!“

Die Aufschrift auf den Abfallkübeln vor der Küche, lässt Y. erschauern. Haben ausgehungerte Patienten wirklich hier nach Essensresten herumgestochert?!

Der letzte Tag ist im Bierkrug
Und in Verzweiflung gefangen.

Thomas Bernhard

Oberarzt M., der den Patienten jetzt therapiert, hat einen grossen, gemalten Punkt auf dem Leibchen. Seine braunen Augen mustern Y. aufmerksam, der derweilen über seine Aengste spricht.

Die grosse Hitze von bis zu 37 Grad ist abrupt zu Ende. Die Temperatur sinkt um 20 Grad, ein unangenehmer Wind bläst, es regnet in Bindfäden. Die Patienten sitzen wie geschlagen im Haus herum, saugen an ihren Zigaretten und wissen sich nichts mehr zu erzählen. Die müden Gesichter gähnen ins Leere.

Y. und Audrey verbringen die freien Tage in der Innenstadt, besuchen Ausstellungen und Kinos, bummeln durch Grünanlagen und der Donau entlang. Auf einer Geburtstagsparty eines Kunstmäzens in Baden staunt der Patient, wie viele wohlgenährte ältere Damen sich im Wiener Kunstbetrieb tummeln und untereinander tuscheln.

Bald wird er Kalksburg verlassen.

„Die Mehrzahl von Ich sind Wir.“

Auch vor dem Fitness-Studio hängen Plakate mit weisen Sprüchen.

„Wir sind, wie wir sind“.

Der Patient möchte sich in den letzten zehn Tagen noch ein wenig die Muskeln trainieren. Er hat acht Kilo abgenommen, und seine Haut hängt schlaff an seinem abgemagerten Körper. Er hat eine Rosskur hinter sich.

Jeden Mittwoch, dem Aufnahmetag, kommen wieder neue Patienten mit neuen Aufschriften auf ihren T-Shirts: „psiciatric ward“ oder „gerichtlich gepfändet“.

Die Tabletten werden in grossen blauen Kisten mit dem Lieferwagen angeschleppt. Es gibt Leute, die über 30 verschiedene „Pulver“ pro Tag schlucken müssen.

Neben Alkoholikern und/oder Pillensüchtigen werden auch Spielsüchtige im Anton-Proksch-Institut aufgenommen. So auch der junge Türke I. – In der Gruppe erzählt er:

Er meint, dass er alle möglichen Spiele aufgegeben und zum Schluss nur noch auf die Hunde gewettet habe.

Nach einigen Tagen ist er wie so viele, die verzweifelt am Kalkstein ankommen, wieder wie vom Erdboden verschwunden. Den letzten beissen hier wirklich die Hunde…

Y. sieht seiner „Entlassung“ gelassen entgegen. Sein Körper hat endlich Ruhe gegeben. Er kennt das nüchterne Leben von vielen abstinenten Jahren und muss es wie viele „Spiegeltrinker“ nicht neu erfinden. Viele Patienten haben seit ihrer Jugend oft über 30 Jahre regelmässig getrunken. Für sie ist es unheimlich hart, mit 50 Jahren noch einmal neu geboren zu werden.

Der Patient wird nach Italien zurückfahren und wieder dort beginnen, wo er bei seinem letzten Rückfall stehen geblieben ist. Nüchtern von Tag zu Tag.

Wenn ihm das gelingt, hat er bereits gewonnen.

Die Primarin strahlt bei ihrem Austrittsgespräch:

Der Patient lächelt leicht gequält.

zurück

text_2:

OUT(back),von René Desor

 

(Maria liest :)

Krautige Seele – ein ganz einsames Verschlossen-Sein, eine Unbekannte, die einen selbst nicht kennt…

(Ich lese:)
Ich habe kein Gewissen, bin hier eingeboren & einigermaßen bekannt, daher erwarte ich von jedem Zuhörer augenblicklich moralische Distanz:
Dies erleichtert mir wohl im Nachhinein eine unbefangen lockere Begegnung, denke ich. Ich verbitte mir daher auch anagrammatische Rück-Versicherungen, Reminiszenzen oder gar déja-entendues.

Man soll mich einfach nicht „Natascha Kampusch“ nennen!
(Griff zum moleskine)

Einen Raum mit Schnittblumen zu schmücken erscheint mir ähnlich dem Versuch, einen toten Raum mit Leichen zu erhellen. Im Augenblick des Durchschneidens eines Blütenstiels töte ich & transportiere eine Leiche in diesen Raum, den es eigentlich zu beleben gälte…

- Ich könnte mich jetzt verzetteln, aber da ich die Zettel zur Notiz jetzt im moleskine gebunden vor mir halte, äußere ich mich ganz kurz an-ge-bunden. Ja. – Kann. ich. mich. ganz. kurz. an-ge-bunden. halten:
Ich habe am 7. Oktober 2005 dem Tod in die Augen geblickt, wie MAN dies allgemein landläufig so bezeichnet & sich dabei nichts Besonderes denkt, wenn da EINER in seiner Rede ein bisschen dramatisiert, ein Schäuferl, ein Scheiterl drauflegt, – aber auf welches Feuer denn? fragt man sich dann selber, wo MAN sich doch von der Schaufel gesprungen sieht.

Wohin gesprungen?

 

„Der muaß a Leber hom, des san fünf komma ocht promü, de´s vaoiweit hod.“, die Krankenschwester den Untersuchungsbericht vor sich haltend.

„ – Geh, des is jo goa nix, da russische Rekord liegt bei sim komma ans – oda woa des net in Litaun?“, ein Krankenpfleger zu seinem Kollegen. „Deado hod hundatsechzg auf da Laundstross´n obuffat“, dreht er mit dessen Hilfe einen leblosen, blutgetränkten Faschen- & Klammern- klumpen auf einem Mobilbett zur Seite.

– Aus dem Koma erwacht wieder auf literarisch-österreichisches Kabarett-Hoheitsgebiet gesprungen.

Komm, süßer Tod. – life.

(Maria liest :)
4/4-TAKT

Das ein Viertel
Das hat mir der Gott bestellt
Dazu zwei Viertel

Die haben mir den Freund gesellt
Dann drei Viertel
Die haben mir die Seel´ eig´haucht
Bis vier Viertel
Die haben mir den Leib geflaucht

(ich lese:)

Seitdem ist ein Fenster für mich aufgegangen, aus dem der Blick ein anderer, für manchen wohl nicht nachschaubarer ist.

Zur Veranschaulichung:
Im Frühling danach überkam mich die alljährlich wiederkommende Lust, einen Raum mit Blumen zu schmücken & plötzlich ertappte ich mich beim Versuch, einen Raum mit Leichen zu erhellen. Im Augenblick des Durchtrennens des Blumenstiels, dem Kappen von der nährenden Wurzel der Pflanze, hielt ich einen Leichnam in den Händen, um damit einen toten Raum zu beleben. Ich musste einen anderen Weg finden, applizierte daraufhin in meiner Vorstellung die Farbe Grün vor meinen Augen, da klang dann zwar in mir dieses Goethe´sche Wort von „Hoffnung“ an, aber trotz Frühling, diesem Hoffnungskeimer, löste es nichts als Gelassenheit aus, es störte höchstens die erinnerte Aufregung des Botanikers in mir, der das Bei-Kraut zu dieser Zeit zwischen seinen gesäten & gepflanzten Kräutern & Blumen wuchern sieht: & zwar penetrant grün. Solch grüne Wesen hat man vormals als Un-Kräuter bezeichnet, um der humanen agrartechnischen Feindseligkeit Rechnung zu tragen, aber es tut nie gut, seine Feinde zu beleidigen oder gar zu negieren, sie kommen über die Hintertüre wieder herein ins Haus: in Zeiten, wo der gepflegte Demokratiewahn des eigentlich absolutistischen Menschen auch am Garten vor seinem Haus nicht halt macht, ist man immer öfter von solchen umgeben. Man nennt sie „Migranten„, diese „Beikräuter„, diese „Mitläufer“ auf der für die Natur gelegten Schiene des bourgeoisen Gärtners. Ja, im eigenen Garten kann man unbehelligt der absolutistischen Demokratie frönen, Souverän spielen ohne gleich als Absolutist dazustehen.

Was denn dies alles mit den grünen & andersfarbigen Wesen in meinen Bildern hier im Raum zu tun hat, wird sich mancher nun fragen. – Als kreativer Mensch verlässt man diese Welt ja nur scheinbar & für kurze Zeit, aber nicht ohne Gepäck mit Rückkehrticket am Buckel. & wenn einem die Worte & Bilder danach fehlen & man meint die Worte & Bilder gefunden zu haben, da sich ja durch die jenseitigen Erkundungen in einem selber sozusagen verdichtet haben, dann überantwortet man sie raffiniert in Form & Farbe über den Stift oder den Pinsel dem Papier oder der Leinwand. – Aber die Verantwortung darüber hat man damit nicht abgegeben, die kann einem nur ein Empfänger, der Leser, der Betrachter, der Rezipient abnehmen durch Verständnis oder gar Liebe.

Also versuchen sie einmal, mit einem Leichnam einen Raum zu schmücken.

(Maria liest:)
ein gefalteter gedanke
ein lichtloch
schwingen sich breiten
-& ab durch die
mitte

(ich lese:)

Nach dieser philosophischen Gartenrunde zurückkommend, – an meinem neu aufgestoßenen Fenster, ein bisschen banaler:
„Wie geht es dir?“, dieser allgemeine Annäherungsversuch durch eine Interessensbezeugung, den ich sonst mit Floskeln wie wunderbar. abgehangen. bestens. beschissen. flatterhaft. beständig. etcetera erwiderte & mich dabei auch noch originell, aktuell oder gar kreativ fand, bekam eine neue Dimension, ja schien gar eine Aufforderung dazu, zu erwidern: Verhältnismäßig gut, denn solange die Verhältnisse die Hand über unser eigenes Empfinden unserer Befindlichkeit halten, wird es uns ja bloß „ verhältnismäßig“ gut gehen.
Man frage sich: Wer ist bei einer banalen Frage wie dieser denn auf eine solch ausufernde Antwort gefasst, & wen interessiert schon ein philosophischer Diskurs, wo man doch bloß ein bisschen Schmonzes treiben wollte?

Was vorher immer aus einfältiger Sicht auch sehr einfach zu handhaben war, scheint nun aus dieser neuen Sicht auf einmal nicht mehr so einfach.

„Wie geht es dir?“
„Gut, wenn ich zurzeit noch eine Nuss auf einem Baum sehe & sie erreichen kann. Wenn ich in der Nähe auch noch einen Stein zum Aufschlagen finde, sehr gut. & wenn sich die enthüllte Steinfrucht gar noch schälen lässt, dann geht’s mir noch besser. Denn ich mag keine frischen Nüsse mit Haut.“

(Maria schreit:)
GRAND CRU!
(ich lese:)
Im Alleinsein, sogar hinweg über dieses esoterisch abgewrackte All-Eins-Sein & doch mit beiden Beinen fest verankert im Boden wie zwei Rebstöcke im Löss, einen Zustand, den man konzis WEINSEIN benennen könnte, um sich sprachtechnisch ein bisschen über die eigene poetische Unfähigkeit lustig zu machen, ohne vor anderen prosaisch lächerlich flach zu erscheinen:

Sämtlich normative Bewusstseinszustände bei Seite geschoben, selbst der vorangegangene Befindlichkeitsorientierungslauf ohne Bedeutung für den Augenblick.

Ein klarrundes Weinglas vor sich wie eine Hoffnung, die nach Aufnahme der zur Fassung durch das Glas bestimmten Flüssigkeit schreit:
In diesem lauter Sein fand er sich selbst gefasst in den Räumlichkeiten einer Schenke, ohne zu wissen, wie er durch die Türöffnung, – der Türflügel war an die Wand geschlagen -, hereingekommen war & auf dem Stuhl an einem Tisch Platz genommen hatte.

Sein Blick fing sich im Glas vor ihm auf dem Tisch in der darin gefassten hellen Flüssigkeit. Ein Beobachter hätte ihn vom Tresen aus erstarrt ins Glas stieren gesehen, doch die Barhocker waren leer & auch kein Mundschenk war dahinter auszunehmen. Sein Blick löste sich in der Flüssigkeit im Glas auf, suchte erkundend, ja wanderte darin, um die Beobachtungen ans Gehirn weiterzuleiten wie:

„Die Farbe erscheint hellgelb, versetzt mit einem leichten Unterton ins helle Grün & einem etwas stärkeren Oberton ins Bernsteingelbe.“
- „Diese Bernsteinfärbung könnte jedoch von der gedämpften Beleuchtung durch Glühbirnen im Raum, der leichte Grünton von der Reflektion der grünen Stuhl- & Bankbezüge der Einrichtungsmöbel herrühren“, meldete sich seine Bildbearbeitungsintelligenz & ließ seinen Blick abschweifen, um diese Theorie der Herkunft der Farbreflektion zu überprüfen. Dabei streifte dieser Blick in einem Augenwinkel die Erscheinung einer Frau, zumindest schien es ihm zuerst, dass es sich dabei um ein weibliches Wesen handelte. Den Blick zurück wieder auf das Glas vor ihm geworfen, wirkte dieser Körper in seiner Erinnerungserscheinung schlank:

Ein Körper, der in erstaunlicher Zartheit sich zur Zierde seines sinnlichen Seins im Weinglas hochrankte, seinen am Tisch kauernden Körper empfänglich machte für zuvor ungeahnte Reize, die sich durch diese Erscheinung allein imaginär ankündigten. Dieser grazile Körper faltete sich beim Nähern der Körperöffnungen dem Glase zu wie eine Knospe zur Blüte, die einen wundersamen Duft ausströmte & ihn mehr als zum Empfangenden machte, ihn vergessen ließ dieses Gelb oder Grün, ja eine Aura ausbreiten ließ, die sich vom Blumenkelch zu einem See an sinnlichen Empfindungen weitete, die ihn zu träumen beginnen ließen.
– Erst eine dunkel über die Glaswölbung huschende Reflektion zündete seine Gehirnfunktion wieder, schloss direkt an die Vermutung kurz, dass die Reflektionsfarbverfälschung wahr sein müsste, aber dies draußen, mit vor Augen gehaltenem Glas im Tageslicht zu überprüfen, wie ihm sein Intelligenzvormund zuallererst als nächsten Schritt vorschlug, schien ihm nun müßig zu sein, da sich diese helle Gestalt dermaßen in seine Retina eingeprägt hatte, dass sich seine Augen durch eine leichte Kopfbewegung sofort wieder Deckung der Realprojektion mit ihrem Retinastempel suchten. Bloß fand sich auf dem Bild nun eine zweite Erscheinung, die von seinem Gehirn sofort als „Wirt“ identifiziert wurde, vor allem, da sie mit einem Glas voll roter Flüssigkeit operierte, dieses Glas auf dem Tisch vor der Gestalt platzierte & sofort wieder verschwand. Sein Blick traf kurz die dunklen Pupillen der Frauengestalt, schwenkte dann an die Bar, woher Geschrei gekommen war, um festzustellen, dass sich ein paar Leute davor gruppiert hatten. Doch verursachten die beiden in seine Retina gerissenen Punkte Schmerzen, sein Blick musste sofort zu diesen beiden schwarzen Löchern im Antlitz der Frau in der Raumatmosphäre zurückkehren.

Eine Erhellung seiner Gesichtszüge zeigte an, dass ihm diese Rückkehr mit Schmerzbefreiung vergolten wurde.
So erschien es zumindest mir, der ich mit der Gruppe den Raum betreten & an einem der Barhocker Platz genommen hatte.
Ich bin kein Weinkenner, bestellte also einen „Roten“, da wir zuvor schon alle Rotwein in etlichen Runden genossen hatten & ließ dabei jegliche Sortenbezeichnung unter den Tresen fallen. Dagegen übe ich mich sorgsam in der Beobachtung meiner Mitmenschen, vor allem jener, die offenbar derselben Krankheit wie ich, dem Voyeurismus, anheim gefallen sind, & derer an Zahl es mehr gibt, als man glauben möchte. Dann finde ich als einfacher Jäger ein Opfer erhöht in einem ertappten Jäger, einerseits einen Leidensgefährten aus philantropischer Sicht, andrerseits weniger menschenfreundlich die Steigerung meiner voyeuristischen Absichten, da dieses Opfer mit subjektiv anderen Beobachtungsmustern & -riten ausgestattet meine eigene Lust an der Observation noch mehrt. Wie ein Kannibale, der sich die Kraft des Feindes durch den Verzehr desselben einverleiben will.

Wie gesagt, ich bin kein Weinkenner, doch irgendein Impuls drängte mich plötzlich dazu, das Glas Rotwein vor mir auf dem Tresen, besser den darin gefassten Inhalt zu analysieren in Farben & deren Nuancen, Lichter & deren changements. Ich sah mich sogar dahin getrieben, den Flüssigkeitskörper mit den Augen zu ertasten & seine Erscheinung in Worte zu kleiden.

Was war geschehen?
Ich erinnerte mich an mein Opfer von zuvor & wandte meinen Blick ihm zu: Es schien dieselbe optische Degustation des Weines im Glas vor ihm vorzunehmen, ganz so, wie ich das zuvor getan hatte, & schwenkte mit eben derselben Abruptheit wie ich zuvor seinen Blick auf mich. – War ich als Jäger ertappt? War ich gar Opfer, ohne dies vorher bemerkt zu haben? War dieser Typ gleichgeschaltet in seiner Perversion, suchte er Jäger als Opfer wie ich?

Es war schlimmer:
Ich fühlte mich gar nicht mehr beobachtet & ertappt, nein, unser beider sich treffende Blick schien ident, war ein Blick, ich sah kein Opfer mehr, mein Blick traf auf keine Augen, keine Augen trafen auf meinen Blick. Der Augenblick war einfach ausgeschaltet. Da war nur wieder dieses Glas mit der Flüssigkeit & diese changierenden Lichter, plötzlich auch Reflektionen & Spiegelungen darin. – & eine helle Erscheinung, die sich breitmachte, weitete & mich veranlasste das Glas zur näheren Betrachtung zu heben, über den Glasrand zu lugen & mit meinen – ja, waren es meine? – Augen in zwei schwarze Löcher in die Raumatmosphäre fallen zu lassen. Ich wäre mit meinem Blick wohl ins Endlose gestürzt, hätte ich mir nicht wieder mein Opfer ins Bewusstsein rufen wollen: Doch es war weg, verschwunden, kein Mann mehr, der eine Frau anstierte. Meine Augen zuckten zurück zu dieser Frau, in ihre Augen, die sie mit ihrem Kopf leicht geneigt hielt & mit einer kurzen Armbewegung das Glas vor ihr vom Tisch hochhob & scharf über den Glasrand durch kurzes Zucken ihrer Augenbrauen mir anscheinend ein Prosit zuschickte. Dabei versank ihr rotes Lächeln in dem von ihr hochgehaltenen weinrot gefärbten Glas, um kurz darauf wieder zu erscheinen, mit den Lippen ihres Mundes sich zu öffnen & den Wein zu empfangen. Meine Lippen berührten ebenfalls den kühlen Rand des Glases, das ich erhoben hielt & über dessen Wölbung ich noch immer das warme Rot ihrer Lippen im Weinrot versinken sah, verschwinden in einem Meer roter Bilder & rot schäumender Wogen, überschwappend mein Gemüt, der ich die Lippen wie die eines Ertrinkenden im seichten, doch heftig bewegten Wasser hilflos nach Luft schnappen fühlte.

Als sich die Wogen geglättet hatten & ich wieder ungehindert Luft atmen konnte, stellte ich fest, dass sich in dem Glas in meinen Händen Weißwein & ich selbst mich nicht mehr am Tresen befand, sondern an einem Tisch, auf einem Stuhl saß, & meine Geschmacksnerven sandten noch immer Bilder an mein Gehirn, doch dieses schien irritiert:

Da sah es plötzlich eine sich weit ausdehnende, trocken ausgebaute Ebene, spürte leichte Säure im Ansatz zu einer Hügelbewegung, die metallisch flach ausklingend den Schlund passierte, dann in die Tiefe sich öffnete wie ein weißer feingliedriger Blütenkelch, als gäbe es keine Peristaltik oder Gravitation & als hätten sich Luft- & Speiseröhre zu einer einzigen Säule gedreht, die sich langsam aus meinem Steißbeinbereich heraus vom Solarplexus geküsst über die Wirbelsäule gebogen den Rumpf hoch dem Kopf zu zur Lotosblüte hin öffnete durch Kundalini.

Die Frau wickelte kokett die schillernde Perlenreihe an ihrem Busen um ihren schlanken Zeigefinger wie eine Andeutung ihrer Begierde nach einer Vereinigung ihrer zartweichen Haut mit der glattharten Perlmuttoberfläche der Kügelchen um ihren weißen Hals.
Er hingegen war wohl nicht mehr befähigt, diese Wahrnehmung zu erhaschen, denn er war mit seinem ganzen Körper aus der Umfassung seines Stuhles geschnellt & schrie laut „Grand Cru!“ in den Schankraum.

Selber war ich weniger überrascht darüber als über den Umstand, dass ich wieder am Tresen bei meinen Freunden lümmelte, die sich alle verwundert dem Schreienden zuwandten. Ich stürzte meinen Roten aus dem Glas hinunter, dessen Feuer mich dann durchglühte bis in die Zehenspitzen.
Der Wirt war herbeigeeilt & besänftigte den Schreienden.
- Wohl müßig zu erwähnen, dass die Frauengestalt nicht mehr erschien.

(Maria liest):

S/FIKTION 09/15/03

GAMEGIRL

ICH beteiligt

begraben

habe

ICH ES erlebt

ES an sich bedeutet

rüttle im Graben

als hätten ICH ES

erlebt

versprochen SICH

inmittst vergraben

bin ICH verlebt

darin

SIE haben widerrufen

ES löst mich in

ICH auf

vergraben

ICH überlebe SICH

1 Antwort zu „gamma_gt“


  1. 1 Pharma98 September 23, 2009 um 10:26

    Very nice site!


Eine Antwort schreiben




kunst_zeit

November 2009
M D M D F S S
« Aug    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Nodbach_kunstmonat 2008

"Nodbach_Kunstmonat BERGLER"
Der Künstler Fritz BERGLER zu Gast im Nodbach-Atelier

Eröffnung: 1. August 08, 19:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 2. - 31. Aug. 08

täglich außer 15. August geöffnet
von 14:00 bis 18:00 Uhr
Ort:
Nodbach-Atelier, Rudi Pinter
Fabriksgasse 43
A-7011 Siegendorf
Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Add to Technorati Favorites

mail an NODBACH